
Der Morgenkaffee war schon wieder kalt geworden. Fatima seufzte leise und schob die Tasse beiseite, während sie Layla auf ihrem Schoß wiegte. Das Baby hatte endlich aufgehört zu weinen, aber ihre Gedanken rasten weiter.
Warum jetzt? fragte sie sich, während sie auf den Laptop-Bildschirm starrte, der seit einer Stunde auf derselben Pinterest-Seite eingefroren war. „DIY Montessori Spielzeug“ stand dort, umgeben von perfekt inszenierten Bildern makelloser Kinderzimmer. Aber es war nicht das Spielzeug, was sie beschäftigte.
Die Idee war gestern Abend gekommen. Mitten beim Wickeln, als Layla mal wieder unruhig war und Fatima zum hundertsten Mal dachte: Es muss doch bessere Wege geben, Babys zu beruhigen. Plötzlich war da dieser Gedanke: Was, wenn sie anderen Müttern zeigen könnte, was bei ihr funktionierte? Nicht als Expertin – Gott bewahre, dafür fühlte sie sich viel zu unerfahren. Aber als eine Mutter, die verstanden hatte, dass jedes Baby anders tickt.
„Mama hat eine verrückte Idee“, flüsterte sie Layla ins Ohr. Das Baby gähnte und kuschelte sich enger an sie. In diesem Moment spürte Fatima wieder dieses warme, kribbelnde Gefühl im Bauch. Das gleiche Gefühl, das sie damals hatte, als sie Ahmed zum ersten Mal begegnet war. Oder als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war.
Ist das normal? Sie lächelte über ihre eigenen Gedanken. Dass man sich wegen einer Geschäftsidee so aufgeregt fühlt wie bei der ersten Liebe?
Die Wahrheit war: Fatima hatte schon länger nach etwas gesucht. Nach einem Sinn jenseits von Stillen, Windeln wechseln und der endlosen Routine. Sie liebte Layla über alles, aber da war noch etwas anderes in ihr. Ein Teil, der mehr wollte. Der sich entfalten wollte.
Ahmed verstand das nicht ganz. „Du hast doch schon den wichtigsten Job der Welt“, hatte er gesagt, als sie ihm gestern vorsichtig von ihrer Idee erzählt hatte. Er meinte es nicht böse. Aber da war dieser Unterton. Diese unausgesprochene Frage: Warum reicht dir das nicht?
Fatima stand auf und ging zum Fenster. Draußen huschte eine andere Mutter mit Kinderwagen vorbei, das Handy am Ohr, ein Kaffeebecher in der anderen Hand. Geschäftig. Zielstrebig. Vielleicht hat sie auch eine Idee, dachte Fatima. Vielleicht weiß sie auch nicht, wo sie anfangen soll.
Genau das war ihr Problem. Die Idee war da, klar und leuchtend. Aber der Rest? Ein einziges großes Fragezeichen.
Wo fängt man überhaupt an? Sie dachte an all die Instagram-Accounts, die sie heimlich durchstöberte, wenn Layla schlief. Diese perfekten Unternehmerinnen mit ihren makellosen Feeds und schlauen Sprüchen. Die schienen alle schon fertig geboren zu sein. Mit Business-Plan im Kopf und Zielgruppe im Herzen.
„Ich bin 29 Jahre alt“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild im Fenster. „Ich habe Psychologie studiert. Ich bin nicht dumm.“ Layla gluckste, als würde sie zustimmen. „Aber ich fühle mich wie eine Anfängerin in allem.“
Das war der Kern ihres Dilemmas. Sie hatte eine Idee – eine, die sie nachts wach hielt vor lauter Aufregung. Aber zwischen dieser Idee und dem, was andere „erfolgreich gründen“ nannten, lag ein riesiger, nebliger Raum voller Unbekannter.
Muss ich ein Gewerbe anmelden? Brauche ich eine Website? Was ist mit Steuern? Und was, wenn sich niemand dafür interessiert?
Die Fragen wirbelten in ihrem Kopf wie Schneeflocken in einem Sturm.
Layla begann zu quengeln. Zeit für das nächste Stillen. Fatima setzte sich zurück in den Sessel, knöpfte ihre Bluse auf und spürte, wie sich ihre Gedanken beruhigten. Das hier konnte sie. Das war vertraut.
Aber während Layla trank, wanderten ihre Augen wieder zum Laptop. Zu den Pinterest-Träumen und Google-Suchergebnissen. Zu all den Möglichkeiten, die darauf warteten, entdeckt zu werden.
Vielleicht, dachte sie, ist es gar nicht so wichtig, alle Antworten zu haben. Vielleicht reicht es, mit der wichtigsten Frage anzufangen: Was will ich wirklich?
Und das wusste sie bereits. Sie wollte anderen Müttern helfen. Sie wollte etwas Eigenes schaffen. Sie wollte zeigen, dass man auch als Mama träumen durfte.
Layla war eingeschlafen. Fatima blieb noch einen Moment sitzen und spürte die warme, kleine Hand auf ihrer Brust. In diesem stillen Augenblick traf sie eine Entscheidung.
Sie würde nicht mehr nur träumen. Sie würde anfangen zu erkunden.
Was Fatimas Geschichte uns lehrt:
Die wertvollsten Geschäftsideen entstehen oft nicht im Büro oder beim Brainstorming, sondern in den alltäglichsten Momenten unseres Lebens. Wenn wir ein Problem lösen, mit dem wir täglich konfrontiert sind. Wenn wir eine Lücke entdecken, die andere vielleicht auch spüren.
Fatimas Unsicherheit ist völlig normal – und sogar wertvoll. Denn sie zeigt, dass sie ihre Verantwortung ernst nimmt. Die Angst vor dem ersten Schritt ist kein Zeichen dafür, dass eine Idee schlecht ist. Sie ist ein Zeichen dafür, dass uns die Idee wichtig ist.
Der wichtigste erste Schritt ist nicht der perfekte Business-Plan oder die fehlerfreie Website. Es ist die Entscheidung, aus dem Träumen ins Erkunden zu wechseln. Aus „Was wäre wenn?“ wird „Wie finde ich es heraus?“
Und das geht schon mit kleinen Schritten: Ein Gespräch mit einer anderen Mutter. Ein Blick in Online-Communities. Ein Notizbuch für Ideen und Beobachtungen.
Manchmal ist die beste Vorbereitung auf eine große Veränderung, erst einmal den Mut zu fassen, sie für möglich zu halten.
Wie wird es weitergehen? Wird Fatima den Sprung wagen oder sich in der endlosen Recherche verlieren? Das erfahrt ihr in Kapitel 2: „Pinterest-Träume & Google-Frust“…
Link folgt in shaa Allah.
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Die Storytelling-Serie handelt von 3 Frauen und eine davon. Hier kannst du die Story von Amina lesen:
Und hier die Story von Yasmin:
Kapitel 2 von Fatima kannst du nun hier weiterlesen:
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