
Der Cursor blinkte vorwurfsvoll in der leeren Instagram-Story. Amina hatte bereits drei verschiedene Texte getippt und wieder gelöscht.
„Guten Morgen! Heute wird ein produktiver Tag!“ – zu generisch.
„Montag bedeutet neue Chancen für dein Business!“ – zu abgedroschen.
„Was sind eure Pläne für diese Woche?“ – zu verzweifelt nach Interaktion klingend.
Sie seufzte und legte das Handy beiseite. Durch das Fenster ihres kleinen Home-Office sah sie andere Menschen zur Arbeit hetzen, mit klaren Zielen und festen Terminen. Sie beneidete sie um diese Klarheit.
Aminas Tag begann jeden Morgen gleich: Kaffee, Laptop aufklappen, Instagram öffnen. Dann das vertraute Ritual aus Hoffen und Enttäuschung. Der Post von gestern – ein motivierender Spruch über Durchhaltevermögen mit einem Foto ihres Arbeitsplatzes – hatte ganze 12 Likes bekommen. Drei davon waren von Familienmitgliedern.
„Vielleicht war die Uhrzeit schlecht“, murmelte sie und scrollte durch ihren Feed. Dort strahlten ihr andere Business-Coaches entgegen, deren Posts Hunderte von Likes und Dutzende von Kommentaren hatten.
„Mindset ist alles! „, stand unter einem perfekt beleuchteten Selfie. 234 Likes. 47 Kommentare voller Feuer-Emojis und „So inspiring!“-Rufe.
Amina klickte auf das Profil. 15.000 Follower. Bei ihr waren es 847, und sie war sich ziemlich sicher, dass mindestens 200 davon Ghost-Accounts waren, die sie mal in einem verzweifelten Moment gekauft hatte.
Sie öffnete ihre eigenen letzten Posts. Montag:
„3 Tipps für mehr Produktivität“. 8 Likes.
Mittwoch: „Warum Selbstfürsorge wichtig ist“. 15 Likes, aber nur weil sie das Wort „Selfcare“ als Hashtag verwendet hatte.
Freitag: Ein Zitat über Erfolg vor einem Sonnenuntergang-Foto. 6 Likes.
Das Muster war immer dasselbe. Sie postete, wartete hoffnungsvoll auf Reaktionen, wurde enttäuscht, analysierte stundenlang, was sie falsch gemacht haben könnte, und postete dann trotzdem weiter. Wie in einer Endlosschleife.
Ihr Handy summte. Eine Nachricht in der WhatsApp-Gruppe „Gründerinnen Connect“: „Hey Ladies! Wer von euch nutzt schon Reels? Ich kriege damit so viel mehr Reichweite! 🚀“
Amina las die folgenden Nachrichten mit wachsender Frustration. Alle schienen zu wissen, was sie tat. Alle hatten irgendeine Strategie, irgendein Tool, irgendeinen Hack, der bei ihnen funktionierte. Nur sie tappte im Dunkeln.
Sie öffnete Instagram Reels und scrollte durch die Vorschläge. Tanzende Coaches, die ihre Services zu Trending-Sounds bewarben. Quick-Tipps in bunten Grafiken. Before-and-After-Transformationen mit dramatischer Musik.
Das ist nicht ich, dachte sie. Das fühlt sich falsch an.
Aber was war sie denn? Diese Frage stellte sie sich in letzter Zeit immer öfter. Auf ihrem Profil stand „Business Coach & Mindset Mentorin“. Aber war sie das wirklich? Oder hatte sie diese Titel einfach übernommen, weil sie sich professionell anhörten?
Amina stand auf und ging zur Kaffeemaschine. Ihr Blick fiel auf die Pinnwand neben dem Kühlschrank. Dort hingen Dankeskarten von Klientinnen aus ihrer Zeit als Personalentwicklerin im Konzern. „Danke für deine ehrliche Art, Amina. Du hast mir geholfen, meinen Weg zu finden.“ – „Deine praktischen Tipps haben mein Arbeitsleben verändert.“ – „Du hörst wirklich zu, anstatt nur zu urteilen.“
Ehrlich. Praktisch. Zuhörend. Das war sie gewesen. Bevor sie beschlossen hatte, ins Online-Business zu wechseln und plötzlich glaubte, sie müsse genauso klingen wie alle anderen auch.
Das Handy summte wieder. Diesmal war es eine DM auf Instagram: „Hi Amina, ich folge dir schon eine Weile und frage mich, was genau du anbietest? Deine Posts sind nett, aber ich verstehe nicht so ganz, wobei du hilfst. LG Sarah“
Aminas Wangen brannten. Sarah hatte den Finger in die Wunde gelegt. Sie postete täglich Content, aber wenn sie ehrlich war, wusste sie selbst nicht genau, was ihre Botschaft war. Motivation? Produktivität? Mindset? Ein bisschen von allem und dadurch nichts Konkretes?
Sie dachte an ihren letzten Post zurück. „Glaub an dich! Du schaffst das! 💪“ Universell einsetzbar, völlig austauschbar und letztendlich nichtssagend. Kein Wunder, dass niemand reagierte.
Amina setzte sich zurück an den Laptop und öffnete ein leeres Dokument. Oben schrieb sie: „Wer bin ich eigentlich?“
Dann starrte sie auf den weißen Bildschirm und merkte, dass sie diese Frage schon lange nicht mehr ehrlich beantwortet hatte. Irgendwo zwischen dem Versuch, sichtbar zu werden, und dem Druck, relevant zu bleiben, hatte sie sich selbst verloren.
Ihr Telefon klingelte. „Mama“ stand im Display.
„Habibi, wie geht es dir?“ Die warme Stimme ihrer Mutter durchbrach die Stille.
„Gut, Mama. Ich arbeite gerade.“
„Du klingst müde. Arbeitest du wieder zu viel?“
Amina lächelte trotz allem. Ihre Mutter hatte schon immer gespürt, wenn etwas nicht stimmte. „Ein bisschen. Ich versuche gerade herauszufinden, wie ich… sichtbarer werden kann.“
„Sichtbarer? Habibi, du warst schon immer sichtbar. Erinnerst du dich an Frau Müller von nebenan? Sie kommt immer noch zu mir und fragt, wie es dir geht. Sie sagt, du hättest ihr damals so geholfen, als ihr Mann krank war. Du hättest zugehört und praktische Tipps gegeben.“
Amina runzelte die Stirn. „Das ist Jahre her, Mama.“
„Ja, aber sie erinnert sich noch. Das ist echte Sichtbarkeit, findest du nicht? Wenn Menschen sich an dich erinnern, weil du ihnen wirklich geholfen hast.“
Nach dem Gespräch blieb Amina lange sitzen. Ihre Mutter hatte recht. Sie war sichtbar gewesen, aber nicht durch perfekte Posts oder clevere Hashtags. Sondern durch echte Begegnungen und hilfreiche Gespräche.
Sie schaute wieder auf ihre Instagram-Statistiken. 847 Follower, die nicht wussten, wer sie war. Die ihre austauschbaren Motivationssprüche ignorierten, weil sie keine echte Verbindung zu ihr spürten.
Vielleicht, dachte sie, ist das Problem nicht, dass mich niemand sieht. Vielleicht ist das Problem, dass ich mich selbst verstecke hinter dem, was ich glaube, was andere sehen wollen.
Sie klickte auf „Neuer Post“ und starrte auf das leere Eingabefeld. Diesmal würde sie nicht nach dem perfekten Motivationsspruch suchen. Diesmal würde sie versuchen, ehrlich zu sein.
„Hi zusammen“, tippte sie. „Ich merke gerade, dass ich in den letzten Monaten ziemlich austauschbar geworden bin. Immer die gleichen Tipps, die gleichen Phrasen, die gleichen Stock-Photos. Dabei war ich mal jemand, der konkret geholfen hat. Zeit, das zu ändern.“
Sie drückte „Teilen“, bevor der Zweifel zurückkommen konnte.
Ihr Herz klopfte. Aber zum ersten Mal seit Monaten fühlte es sich richtig an.
Was Aminas Content-Dilemma uns lehrt:
Sichtbarkeit um jeden Preis führt zur Unsichtbarkeit der eigenen Persönlichkeit. Wenn wir versuchen, wie alle anderen zu klingen, werden wir austauschbar und damit irrelevant.
Das Paradox des Content-Marketings: Je mehr wir versuchen, allen zu gefallen, desto weniger erreichen wir jemanden wirklich. Generic Content erzeugt generic Reaktionen – oder gar keine.
Die häufigsten Fallen:
Trend-Hopping ohne Sinn: Jeden neuen Feature nutzen, ohne zu fragen, ob es zur eigenen Botschaft passt
Copy-Paste-Motivation: Allgemeine Motivationssprüche posten, die jeder verwenden könnte
Hashtag-Hoffnung: Glauben, dass die richtigen Hashtags automatisch die richtige Zielgruppe bringen
Quantität vor Qualität: Täglich posten, ohne zu überlegen, was man eigentlich sagen möchte
Der erste Schritt zur echten Sichtbarkeit:
Nicht fragen „Was wollen andere sehen?“, sondern „Was habe ich Wertvolles zu sagen?“ Authentizität schlägt Algorithmus. Menschen folgen Menschen, nicht Posting-Maschinen.
Aminas ehrlicher Post war der Anfang ihrer echten Content-Strategie. Manchmal muss man aufhören zu posten, um wieder etwas zu sagen zu haben.
Wird Amina den Mut haben, weiter ehrlich zu bleiben? Oder wird sie wieder in alte Muster verfallen, wenn die ersten Reaktionen ausbleiben? Das erfahrt ihr in Kapitel 2: „Vielleicht liegt’s am Algorithmus…?“
Link folgt in shaa Allah.
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Die Storytelling-Serie handelt von 3 Frauen und eine davon. Hier kannst du die Story von Fatima lesen:
Und hier die Story von Yasmin:
Hier ist das 2. Kapitel von Amina:
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